ein kurzer Bericht zum Vortrag von FM J. Brustkern: „Vorteile erkennen und erfolgreich verwerten“ vom 27.03.2026

Wie stets werden die Gäste gebeten selbstgespielte Partien mitzubringen, die entsprechende Beispiele zum jeweiligen Vortragstabend thematisieren, dazu werden exemplarische Beispiele z.B. aus Schachlehrbüchern besprochen, ein solches nachfolgend:

Wer kennt sie nicht, „die Phantome des Hutmachers“ ? Die eigene Stellung korrekt einzuschätzen bedarf einiger Anstrengung, taktische Motive zu erkennen genügt dafür nicht, die zentralen Kategorien des positionellen Spiels kommen zur Anwendung:

Abschätzen der Königsstellung, Materielles Übergewicht, Zentrumskontrolle, Figurenaktivität, Initiative, offene Linien, Raumvorteil und natürlich die Bauernstruktur. Die genannten Kriterien zur Stellung entbehren einer Reihenfolge, denn unter Aspekten auch zeitlicher Limitierungen tut Priorisierung Not, da hilft nur Erfahrungswissen aus meisterlchen Partien, nachfolgend ein Beispiel:

 

Stellung nach 8. … exd5

Mit .. e5 öffnet Schwarz die Diagonalea4-e8 zu früh. Besser wäre 7. … cxd4 8. exd4 d5 9. cxd5 sxd5 mit der Idee 10 Lb5+ lc6! 11. Da4 dd7 und falls 12. Se5, dann 12. … sxc3!.

8. cxd5 exd5 (besser wäre 8. sxd5). Nun kann der schwarze König angegriffen werden: 9. Lb5 kf8, die unangenehme Alternative wäre: 9. …lc6 10. Da4 lxb5 11. Dxb5+ dd7 12. Se5! dxb5 13. Sxb5 sa6 14. Td1 0-0 15. Sc6 oder 9. …sbd7!?  10. dcx5 lxc5. 10. le2 … (bei  10. b3 wäre wäre 10. … c4 möglich mit der Idee 11. bcx4 a6) 10. … sbd7. Aktiver wäre  10. …sc6!? oder 10. …sa6!? ∆Sc7 – e6. 11. b3

Stellung nach 11. b3

Das Hauptproblem der schwarzen Stellung ist die Königsposition, sein Turm h8 kommt nicht ins Spiel. Das Verbinden der Türme und die Vorbereitung von g6 nebst kg7 vorzubereiten verhindert Weiß mit Lb2. Der „beschädigten Königsstellung“ steht nun die bessere Kommunikation der weißen Figuren und das aktiver Spiel gegenüber. 11. … a6?! 12. Lb2 tc8 13. Tc1 h5!? (Falls 13. … c4, dann 14. a4) 14. h3 Schwarz hat nun keine gefährlichen Idden und verbessert weiter seine Stellung durch die Kontrolle des Feldes g4.

 

Vorteile in Stellungsbildern zu erkennen ist das eine, Vorteile auch zu realisieren ist das andere: Psychologische Einstellung und technische Prinzipien bieten hier Orientierung:

Psychologische Einstellung:

Bei erkanntem Vorteil gilt es noch konzentrierter als sonst spielen, jeder Schachspieler kennt den positiven Energieschub bei Erkennen des eigen Voreteils, der zur Ungenauigkeit verleiten kann. In Gewissheit des Vorteils hilft eine konsequente Anwendung technischer Pinzipien:

  • kein Gegenspiel zulassen (dem Gegner aktive Spielmöglichkeiten nehmen)
  • nichts übereilen (wenn der Gegner kein Gegenspiel hat, die eigene Position verbessern)
  • Prinzip der zwei Schwächen (zweite Schwäche möglichst weit entfernt von der ersten Schwäche provozieren und diese abwechselnd angreifen, die besseren Kommunikationsmuster der angreifenden Figuren wirksam werden lassen)
  • der richtige Abtausch (Capablancas Prinzip: „Behalten sie nur Figuren oder Bauern, die sie für den Partiegewinn brauchen !“; Fausregel: materieller Vorteil strebt nach Figurentausch, der Nachteil nach Bauerntausch)

Nachfolgend ein Beispiel zu den technischen Prinzipien Figurentausch und Bauernstruktur:

 

Stellung nach 7. … fxe6

1. d4 d6 2. e4sf6 3.f3 e5 4. dxe5 (Nach dem Damentausch bekommt weiß einen kleinen aber sicheren Vorteil) 4dxe5 5. Dxd8+ kxd8 6. Lc4 le6?! Dieser Abtausch verschlechtert die Bauernstruktur, (besser 6. …ke8 oder sogar 6. … ke7) 7. Lxe6 fxe6  8. Sh3!? Ziel ist die Schwäche e5, also will der weiße Springer nach d3 8. … lc5 9. Sf2 lxf2+ 10. Kxf2 Dieser Abtausch ist günstig für Weiß, weil sein schwarzfeldriger Läufer etwas stärker als der Springer wird. 10. …sc6 (sbd7 stellt die Figur inaktiv) 11. Le3 ke7 12. Sa3!? Weiß hat nun verschiedene Optionen für diesen Springer: b5, c4 oder (nach c3) das Feld c2, 12. … a6 13. c3 thd8

Die hier dargestellten Beispiele sind den Büchern der Reihe:  Tigersprung, Schachbücher von Artur Jussupow entnommen, diese sind als Literatur zum Thema empfohlen.

Artur Jussupow, ein Schüler des Elitetrainers Mark Dworezki, durchlief die Sowjetische Schachschule und wurde 1977 Juniorenweltmeister U20. Bei seiner ersten Teilnahme an der Landesmeisterschaft der Sowjetunion 1979 in Minsk belegte er sensationell den zweiten Platz. Er ist seit 1980 Großmeister. Er nahm mehrmals an Qualifikationswettkämpfen für die Schachweltmeisterschaft teil und erreichte dabei dreimal das Halbfinale, wo er 1986 an Andreï Sokolov, 1989 an Anatoli Karpow und 1992 an Jan Timman scheiterte. Er gewann unter anderem Wettkämpfe gegen Jan Timman (1985) und Wassyl Iwantschuk (1991). Dabei gelang ihm in der Schnellpartie Iwantschuk – Jussupow, Brüssel 1991 eine berühmt gewordene Kombination: